Viele unterschätzen die Leistungsfähigkeit von Menschen mit einer Behinderung

Unser Kollege John arbeitet seit 2018 bei uns im Service Desk. Seit Geburt leidet er an einer Form der Spastik. In seinem Leben musste er sich schon einige abfällige Kommentare anhören, doch es gibt auch Menschen, die offen mit seiner Behinderung umgehen. Im Interview berichtet er von dieser Offenheit, von der er sich noch mehr wünscht.

Hallo John, wie bist Du zur AKQUINET gekommen?

Ich bin durch einen Artikel im Hamburger Abendblatt auf dieses IT-Unternehmen aufmerksam geworden. Mich hat die Tatsache fasziniert, dass die akquinet outsourcing gGmbH gegründet wurde, um anspruchsvolle IT-Jobs für Menschen mit einer Behinderung in der freien Wirtschaft zu schaffen. Da habe ich mich initiativ beworben und AKQUINET im Bewerbungsgespräch näher kennengelernt. Daraufhin wurde mir eine Stelle im Service Desk angeboten. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

War die Jobsuche vorher schwierig?

Oh ja, ich war vorher in sieben verschiedenen Jobs und fast immer befristet angestellt – das ist schon immer hart, nicht zu wissen, wie lange man bleiben kann. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als mein Chef Stefan mir mitteilte, dass ich direkt einen unbefristeten Vertrag bekomme. Besonders hat mir im Einstellungsprozess gefallen, dass man von Anfang an mit allem offen und ehrlich umgegangen ist. Bei meiner Behinderung wurde nicht – wie bei vielen anderen Unternehmen – lange rumgedruckst. Es wurde einfach direkt gefragt: „Was brauchst du, um problemlos arbeiten zu können?“ Ich hatte nicht das Gefühl, als jemand mit einer Behinderung eingestellt zu werden, sondern als Mensch, der fachlich und persönlich ins Team passen soll. Auch alles andere wurde offen besprochen und mir wurde nichts versprochen, was bisher nicht eingehalten wurde.

Welche Behinderung hast Du?

Seit meiner Geburt habe ich eine spastische Diplegie. Davon sind meine unteren Extremitäten betroffen, also meine Beine. Ich kam leider sechs Wochen zu früh auf die Welt und hatte wegen Komplikationen während der Geburt einen Sauerstoffmangel. Bei mir sind die Folgen Gott sei Dank rein körperlich. Eine Freundin hatte eineinhalb Minuten weniger Sauerstoff und hat körperlich den gleichen Typus Behinderung, aber auch starke geistige Einschränkungen.  

Wie kann man sich eine Spastik vorstellen?

Greifbar kann ich es vielleicht so erklären: Wenn ich laufe, dann ist es für mich genauso anstrengend, als wenn du joggen würdest. Du musst dir vorstellen, dass meine Muskeln die ganze Zeit krampfen und dagegen muss man anlaufen und gleichzeitig das Gleichgewicht halten. Auch wenn das Krampfen mal weniger, mal mehr ist, ist es für mich extrem anstrengend und oft auch schmerzhaft. Von anderen habe ich schon gehört: „Dann setz dich doch einfach in einen Rollstuhl und alles ist gut.“ Aber ich möchte nicht, dass meine Beine „einrosten“ und ich dann auf Hilfsmittel angewiesen bin. Daher mache ich tägliche spezielle Übungen und gehe wöchentlich zur Physiotherapie.

Welche Reaktionen nimmst du ansonsten von anderen Menschen in Bezug auf deine Behinderung wahr?

Das ist unterschiedlich. Manche machen blöde Kommentare wie: „Wie läuft der denn?“ Andere gucken einen einfach nur komisch an. Manchmal wünschte ich mir, dass sich diese Erwachsenen mehr von Kindern abschauen. Sie kommen direkt zu mir und fragen: „Warum läufst du denn so?“ Dann kann ich es erklären. Erwachsene haben da häufig eine Hemmschwelle. Manche Teile der Gesellschaft „behindertisieren“ auch und scheren dann alle über einen Kamm. Ich freue mich immer, wenn Menschen ernsthaft Interesse zeigen. Manchen Menschen ist auch nicht bewusst, dass es sie auch von einem auf den anderen Moment treffen kann, wie z. B. Michael Schumacher oder Samuel Koch.

Du hast gesagt, Teile der Gesellschaft „behindertisieren“. Was meinst Du damit?

Ich meine damit, dass häufig stigmatisiert wird. Viele hören das Wort Behinderung und denken gleich, dass diese Leute „einen an der Klarinette haben“, ständig krank und nicht zu kündigen sind. Und viele urteilen zu schnell: Wenn du das nicht kannst, dann kannst du bestimmt auch das nicht. Hier bei AKQUINET ist es andersrum und das genieße ich sehr. Man geht erstmal davon aus, dass man alles kann und wenn das nicht so ist, dann liegt es an mir, das zu sagen. Keiner packt mich hier mit Samthandschuhen an oder gibt mir eine Sonderlocke. Diese Offenheit und Akzeptanz finde ich bemerkenswert. Ich finde wichtig, dass man voneinander und miteinander lernt und niemand von oben herab mit einem spricht.

Schränkt Dich Deine Spastik im Alltag ein?

Auf dem Blatt Papier habe ich zwar eine Einschränkung, aber so kommt es mir nicht vor. Klar, ich kann vielleicht nicht so schnell laufen wie andere und manche feinmotorischen Dinge kriege ich nicht hin, wie Schuhe zubinden. Aber das kenne ich nicht anders und kriege es organisiert. Ich habe einen tollen Job, der mir Spaß macht, ich habe ein schönes Zuhause und die große Liebe meines Lebens gefunden, die ich auch geheiratet habe. Außerdem ist ein großer Vorteil, dass ich mit meinem Auto komplett mobil bin. Ich fahre auf Handgas und kann mit meinem Joystick Gas geben und bremsen – wie bei einem Computerspiel, daher fahren die Kollegen auch gerne mal mit, um sich das anzuschauen. Auch bei der Arbeit bin ich lediglich darauf angewiesen einen guten Stuhl, Schreibtisch und eine Maus zu haben. Im Alltag fühle ich mich also nicht behindert.

Du gehst sehr offen mit Deiner Behinderung um.

Ja, denn nur so kann ich Akzeptanz schaffen. Ich bin auch manchmal sauer, wenn jemand wirklich aus Interesse höflich fragt, und die Person mit Handicap keine oder eine pampige Antwort gibt. Dann trauen sich noch weniger Menschen offen mit Behinderungen umzugehen. Und ich finde es wichtig, dass Menschen hinter die Fassade schauen. Daher gebe ich auch dieses Interview. Denn auch wenn ich so locker sage, dass mich das im Alltag nicht einschränkt, es gab auch schwere Phasen in meinem Leben. In der Schule wurde ich gehänselt und ich finde es wichtig auch darüber zu sprechen. Meine Selbstständigkeit habe ich mir hart erkämpft. Gerade in Bezug auf das Arbeitsleben wird die Leistungsfähigkeit von Menschen mit einer Behinderung immer noch unterschätzt.

Ist Dir noch etwas wichtig zu sagen?

An die Menschen mit einer Behinderung möchte ich einfach noch einmal appellieren: Traut euch was zu und geht offen mit eurem Handicap um. Falls es da draußen auch Menschen gibt, die ernsthaft Interesse an einer Position bei AKQUINET haben und an mich Fragen haben, können sie mich gerne über die Personalabteilung kontaktieren.

Das ist ein schönes Angebot. Danke Dir für Deine Zeit, John.


John arbeitet bei uns im Bereich IT-Outsourcing. Zwei weitere Kollegen, die hier tätig sind, sind Jannik und Tim. Als Netzwerk-Spezialisten entwickeln sie zusammen mit dem 20-köpfigen Team individuelle Netzwerk-Konzepte für unsere Kunden. Erfahre hier mehr davon: