Inklusion braucht Empathie und Rücksichtnahme

Susanne ist seit Februar 2020 bei der akquinet outsourcing gGmbH angestellt und fungiert als Integrationsbeauftragte für die AKQUINET-Gruppe. Bevor sie bei AKQUINET startete, war sie in der Arbeitsagentur tätig. Im Interview berichtet sie uns, was funktionierende Inklusion ihrer Meinung nach braucht. 

Hallo Susanne, nicht jedes Unternehmen hat eine/n Inklusionsbeauftragte*n. Welche Aufgaben verbergen sich dahinter?

Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass jedes Unternehmen eine/n Inklusionsbeauftragte*n berufen sollte, wenn es schwerbehinderte bzw. gleichgestellte Menschen beschäftigt. Häufig wird dies aber auch von der Personalabteilung übernommen. Meine Aufgabe ist es, Ansprechpartnerin für alle Angelegenheiten schwerbehinderter Mitarbeitender zu sein. Ein Beispiel dafür ist die Beantragung von Hilfsmitteln, wie Kopfhörer, Lichtsignalanlagen, ergonomische Stühle und vieles mehr. Dafür brauche ich ein genaues Bild, was die Menschen mit Behinderung benötigen. Und dafür muss ich sie erst einmal kennenlernen, so wie wir das in den letzten Wochen im Rahmen der „Zeit für Inklusion“ gezeigt haben. 

Was versteckt sich hinter der „Zeit für Inklusion“?

Es ist eine Veranstaltungsreihe, die jährlich vom Hamburger Senat ausgerufen wird. Hier können Vereine, Unternehmen oder sonstige Organisationen inklusive Veranstaltungen anmelden. Im Rahmen dessen haben wir zu einem digitalen Austausch eingeladen. Wir wollten es aber nicht bei einer Veranstaltung belassen. Daher haben wir den Zeitraum auch schon vorab genutzt, um hier im Karriereblog Einblicke in unsere Inklusionsarbeit zu geben. Wir haben verschiedene Mitarbeitende mit und ohne Handicap vorgestellt. 

Warum diese Menschen in den Vordergrund stellen?

Natürlich können wir einfach behaupten, dass berufliche Inklusion bei uns funktioniert. Doch ist es nicht viel besser, wenn die Menschen, die es selbst tagtäglich erleben, selbst berichten? Mit den Interviews wollten wir zeigen, dass IT-Administration und Inklusion zusammenpassen und das Thema der beruflichen Inklusion gesellschaftlich in den Fokus rücken. Außerdem war unser Ziel, Menschen mit Einschränkungen Mut zu machen, dass es auch auf dem ersten Arbeitsmarkt Platz für sie gibt. 

Warum sollte es keinen Platz geben?

Aus meiner Zeit als Arbeitsvermittlerin und im Arbeitgeberservice bei der Arbeitsagentur weiß ich, dass sich immer noch viele Unternehmen davor versperren, Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen. Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen, wie zum Beispiel H&M. Aber ich habe gesehen, wie schwer Menschen mit Handicap einen Arbeitsplatz finden. Das haben wir auch in unseren Videos erfahren, wie z. B. von unserem Entwickler Kamran, der nach seinem erfolgreichen Bachelorabschluss rund 400 Bewerbungen schreiben musste.  

Was hast du aus den Interviews mit den Kolleg*innen mitgenommen?

Mich hat sehr beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie über ihre Erkrankung oder Behinderung gesprochen haben. Hut ab, ihnen gebührt Würdigung und Anerkennung für ihren Mut und ihre Offenheit, so über ihr Handicap in aller Öffentlichkeit zu sprechen. 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie ihr Handicap durch Leistung kompensieren. Viele schieben die Behinderung einfach beiseite, um genauso arbeiten zu können wie alle anderen auch. Es ist aber völlig in Ordnung, eine Einschränkung zu haben. Funktionierende Inklusion braucht Empathie und Rücksichtnahme. Dabei geht es ja nicht nur um Menschen mit einer Behinderung, allgemein muss sich ein Team fragen: Was können wir noch optimieren, damit alle problemlos arbeiten können? Diese Haltung hilft allen. 

Warum ist Inklusion im beruflichen Kontext so wichtig?

Jeder Mensch möchte etwas leisten und dafür anerkannt werden, gesellschaftlich wie auch finanziell. Daher finde ich es wichtig, dass Menschen mit einer Behinderung eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen. Es sind wertvolle Kolleg*innen, die zur Wertschöpfung des Unternehmens beitragen. Daher der Aufruf an die Unternehmen in der freien Wirtschaft: Stellt mehr Personen mit Handicap ein, es lohnt sich.

Aber hat AKQUINET als gemeinnützige GmbH nicht leicht reden, da diese mehr gefördert wird?

Natürlich haben wir als gGmbH mehr Möglichkeiten. Aber dafür haben bei uns der Vorgabe nach mindestens 40 Prozent der Mitarbeitenden eine Behinderung. Ihnen geben wir einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Damit verfolgen wir einen wichtigen sozialen Auftrag. In dem Ausmaß müssen das andere Unternehmen ja gar nicht machen. Aber allein die Offenheit für Menschen mit Behinderung sollte vorhanden sein. Auch wenn man nicht gemeinnützig ist, bekommt man viele Förderungen durch das Arbeitsamt oder das Integrationsamt. Fachlich berät z. B. die BIHA. 

Sollten sich nur die Unternehmen ändern?

Nein. Es gibt auch viele Menschen mit Behinderung, die sich meiner Meinung nach mehr zutrauen können. Viele bewerben sich gar nicht erst, da sie denken, dass sie sowieso keine Chance hätten. Und den Vorgesetzten und Kolleg*innen würde ich gerne mitgeben, dass für eine funktionierende Inklusion auch ihre Rücksichtnahme gefragt ist. Natürlich sollte man ihnen nicht immer „Sonderlocken“ geben, wie unser Kollege John im Interview auch gesagt hat. Jeder von uns hat doch irgendwelche Einschränkungen. Die Individualitäten zu berücksichtigen gehört zu einem funktionierenden Team. 

Vielen Dank für deine Zeit, Susanne.