Agilität als Allheilmittel?

Vom klassischen Projektleiter zum Agile Coach. Unser Kollege Sören berät viele unserer Kunden bei agilen Projekten. Was ihn an Agilität fasziniert, warum es für ihn aber auch kein Allheilmittel ist und er manch genervte Reaktion verstehen kann, erfahrt ihr in diesem Interview.

Hallo Sören, wie und warum bist du Agile Coach geworden?

Als ich 2016 bei AKQUINET gestartet habe, war ich anfangs als klassischer Projektleiter tätig. In dieser Rolle hatte ich die Verantwortung für den gesamten Projektinhalt. Von mir wurde erwartet, dass ich Leuten sage, was sie tun sollen. Ich habe also enges Mikromanagement betrieben. Durch meine vorherigen Erfahrungen als Product Owner bin ich schnell wieder in das agile Umfeld gerutscht und bereits seit 2017 Agile Coach. Nun sorge ich dafür, dass die Teammitglieder das Projektziel kennen und die Umsetzung selbstorganisiert durchführen können. Ich habe jetzt mehr Zeit, mich auf das Team zu fokussieren und Probleme aufzudecken, an denen eine erfolgreiche Umsetzung scheitern kann. Die Projektverantwortung liegt im Team und ich unterstützte lediglich dabei, Hindernisse zu bewältigen.

Ist Agilität ein Erfolgsrezept für Projekte oder gibt es auch Herausforderungen?

Wenn man Projekte agil gestaltet, bedeutet es nicht, dass auf einmal rosa Wölkchen über dem Projekt schweben und alles von selbst funktioniert. Man braucht Geduld und es ist ein langer Weg, denn zunächst muss Transparenz darüber herrschen, welche Probleme es gibt. Ohne den Willen für Veränderungen schafft man es nicht. Wer diesen Weg nicht einschlagen möchte, den werde ich dazu nicht zwingen. Häufig liegt die größte Herausforderung im Management. Vorgesetzte fürchten den Kontrollverlust – und manche sehen diese Kontrolle als ihre Daseinsberechtigung an – dabei sehen sie nicht die Chance, das System und die Umgebung des Projektteams kreativ gestalten zu können. Durch meine Zeit als Projektleiter kenne ich nämlich auch ihre Ansprüche. Deadlines und Budgetschätzungen sollen gemacht und eingehalten werden und das spricht gegen Agilität. Außerdem geht es in agilen Projekten darum, alle Probleme offen auf den Tisch zu legen. Als Agile Coach horche ich da schon mal am offenen Herzen und das wollen nicht alle. Wenn ich z. B. merke, dass ein Teammitglied keinen guten Job macht und sich nicht in das Team einbringen kann, dann muss es vielleicht auch das Team verlassen. Auch wenn es schon jahrelang im Unternehmen ist – das gehört dazu.

Und für das Team gibt es keine Herausforderungen?

Natürlich müssen sich auch die Teammitglieder umstellen und das behagt am Anfang nicht allen. Ich habe häufig den typischen Entwickler oder Entwicklerin vor mir sitzen, der oder die eigentlich auch nur entwickeln möchte. Auf einmal hat diese Person mehr Verantwortung und soll Präsentationen vor der Geschäftsleitung oder dem Kunden halten. Da ist es meine Aufgabe, zu bestärken und sichere Rahmenbedingungen zu schaffen. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass diese Weiterentwicklung mit der Zeit allen Spaß bringt.

Sind agile Methoden nur etwas für die Softwareentwicklung?

Nein. Auch in anderen Bereichen setzt es sich immer mehr durch. Das merke ich insbesondere bei AKQUINET. Im Rahmen unseres internen Weiterbildungscampus bringe ich allen interessierten Kolleginnen und Kollegen an zwei vollen Tagen die Scrum Methodik bei. Neben Softwareentwicklern sind hier auch IT-Administratoren, Vertriebler und sogar Personaler oder Marketer dabei. Manchmal sind es auch nur Teile, die anderen im Arbeitsalltag weiterhelfen, wie z. B. das Schätzpokern, bei dem Aufwände ganz unkompliziert im Team ermittelt werden, oder das Definieren von Anforderungen durch User Stories.

Was bedeutet Agilität für dich?

Für mich persönlich bedeutet Agilität die Bereitschaft zur Veränderung. Im agilen Kontext bewegt man sich immer wieder einen Schritt zurück und hinterfragt aus einem anderen Blickwinkel, was man gerade macht. Außerdem bedeutet Agilität für mich kontinuierlichen Austausch und die Offenheit für andere Meinungen. Verfahren, die seit Jahren so ablaufen, werden auf einmal infrage gestellt und gewagte Experimente durchgeführt. Das hat schon für viele positive Effekte gesorgt, mit denen man vorher nicht gerechtet hat.

Aber warum muss man unbedingt etwas ändern, wenn es läuft?

Das sage ich so gar nicht. Wenn es gut läuft, man schwarze Zahlen schreibt, die Mitarbeiter ewig im Unternehmen bleiben und alle zufrieden sind, dann muss man nichts ändern. Man muss nichts agil machen, was nicht agil sein muss. Ich mag es auch nicht, wenn Lehrbuchantworten auf den Tisch gelegt werden, warum Agilität das Allheilmittel ist. Agilität kann nicht per Gießkannenprinzip auf alle gegossen werden. Man muss konkret auf das individuelle Team schauen: Welche Problemstellung haben wir? Wo wollen wir hin? Projekte und Unternehmen bestehen aus unterschiedlichen Menschen mit verschiedenen Herausforderungen.

Welche Reaktionen nimmst du wahr, wenn über Agilität gesprochen wird?

In den letzten Jahren kam auf einmal ein Hype und alle sagten „Wir müssen agiler werden!“ – und ich glaube, genau das hat dazu geführt, dass das Wort häufig verbrannt ist. Nicht umsonst habe ich innerhalb der AKQUINET zu einem offenen Austausch mit dem Titel „Agilität! – Nicht schon wieder, ich kann es nicht mehr hören.“ eingeladen. Agilität ist eine großartige Methode, aber nur im richtigen Kontext und richtig angewendet. Letztens habe ich schon das Wort „Agilisten“ gehört, als wären wir eine Glaubensrichtung. Für mich ist das Quatsch. 

In welche Richtung würdest du dich gerne weiterentwickeln?

Puh, ich habe mich schon so oft entwickelt. Vom Automechaniker zum Werkzeugmacher, zum Datenverarbeitungskaufmann, zum Supporter, zum Projektleiter, zum Product Owner und dann zum Agile Coach. Und ich liebe meinen Job. Ich rede gerne mit Menschen und bewältige gemeinsam mit ihnen Problemstellungen. Aber wer weiß, was passiert. Ich war schon immer risikofreudig und mutig. Ich mag Veränderungen – Stillstand ist für mich keine Option.

Wir sind gespannt! Vielen Dank für das Interview, Sören.


Erfahre in diesem Beitrag von unserem Kollegen Christian, wie sein Entwickler-Team agile Methoden einsetzt: